Schönes
Ludwig
Uhland (1787-1862)
Lauf
der Welt
An
jedem Abend geh' ich aus,
Hinauf den Wiesensteg.
Sie schaut aus ihrem Gartenhaus,
Es stehet hart am Weg.
Wir haben uns noch nie bestellt,
Es ist nur so der Lauf der Welt.
Ich
weiß nicht, wie es so geschah,
Seit lange küß' ich sie.
Ich bitte nicht, sie sagt nicht: Ja!
Doch sagt sie: Nein! auch nie.
Wenn Lippe gern auf Lippe ruht,
Wir hindern's nicht, uns dünkt es gut.
Das
Lüftchen mit der Rose spielt,
Es fragt nicht: Hast mich lieb?
Das Röschen sich am Taue kühlt,
Es sagt nicht lange: Gib!
Ich liebe sie, sie liebet mich,
Doch keines sagt: Ich liebe dich!
Entschluß
Sie kommt
in diese stillen Gründe,
Ich wag’ es heut mit kühnem Mut.
Was soll ich beben vor dem Kinde,
das niemand was zu Leide tut?
Es grüßen
alle sie so gerne,
Ich geh vorbei und wag es nicht;
Und zu dem allerschönsten Sterne
Erheb’ ich nie mein Angesicht.
Die Blumen,
die nach ihr sich beugen,
Die Vögel mit dem Lustgesang,
Sie dürfen Liebe ihr bezeugen:
Warum ist mir allein so bang?
Dem Himmel
hab' ich oft geklaget
In langen Nächten bitterlich;
Und habe nie vor ihr gewaget
Das eine Wort: Ich liebe dich!
Ich will
mich lagern unterm Baume,
Da wandelt täglich sie vorbei;
Dann will ich reden als im Traume,
Wie sie mein süßes Leben sei.
Ich will-
owehe! welches Schrecken!
Sie kommt heran, sie wird mich sehn;
Ich will mich in den Busch verstecken,
Da seh’ ich sie vorübergehn.
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