Köpfe
der Woche
Martin
Baierlein: Kampf gegen Werteverfall
Seien Sie vorsichtig! Sie werden beobachtet! Beim Falschparken, beim
Wegwerfen von Zigarettenstummeln, beim Fahrradfahren auf dem Gehweg,
wenn Sie den Müll nicht trennen oder gar was klauen. Alle diese kleinen
Aktionen, mit denen jeder von uns den gesellschaftlichen Werteverfall
voranbringt. Aber wo eine Krankheit ist, da ist oft der Doktor nicht
weit.
Im
Juli wurde in Tübingen die Gesellschaft zur Förderung des Gemeinsinns
(GFG) gegründet. „Endlich, auf diesen Verein hat eine Stadt wie Tübingen
eigentlich schon lange gewartet! Nun haben sich einige engagierte Menschen
zusammengetan und das institutionalisiert, was sie am meisten bewegt:
Die sukzessive Wiederherstellung von Regeln, die das gesellschaftliche
Miteinander organisieren und fördern ist Ziel der GFG.“
Martin
Baierlein, 32, einer der Gründer dieser Mitmachgesellschaft, ist Soziologiestudent
mit den Schwerpunkten Neue Bürgerlichkeit und Stadtsoziologie, pflegte
aber auch schon in Hamburg eine gewisse Nähe zum Theater. Hauptmitstreiter
ist Hans-Jörg Mux, ebenfalls 32, Student der Philosophie. Martin Baierlein
kann Kants Kategorischen Imperativ schneller aufsagen, als Sie Brombeermarmelade
sagen können.
Freitagnacht
war er mit einem Mitstreiter und Videokamera auf der Tübinger Partymeile
unterwegs. Flaschen entsorgen war angesagt. Es war erfolgreich, kaum
brenzlige Szenen. Man kann ja entzückt sein über diese jungen Leute,
diesich um den Dreck vor anderen Türen kümmern. Dass eine nicht-entsorgte
Flasche auf ein soziales Problem hinweist, lernt man wohl in der Stadtsoziologie.
Dass allgemein die Werte zerfallen, das sieht man an Dow-Jones-Index
und Dax?
„Wir
sind Teil einer Gesellschaft, in der wir unsere Ideale verloren haben,
in der es keine Utopie mehr gibt von einer gerechteren Gesellschaft.
Wir haben aufgehört zu warten, dass ,die da oben’ etwas tun. Wir werden
selbst aktiv für unsere Gesellschaft. Der Verein ist auf Hinweise aus
der Bevölkerung angewiesen. Deshalb ruft die GFG diesezu Wachsamkeit
auf und bittet um konkrete Hinweise per Telefon oder E-Mail.“
Also
seien Sie vorsichtig, wenn Sie das nächste Mal Ihre Kippe auf die Straße
werfen. Es könnte passieren, dass die GFG plötzlich mit ihrer Videokamera
hinter Ihnen steht und Sie in ein erzieherisches Gespräch verwickelt.
Weiter könnte passieren, dass Sie sich auf dem Theater sehen, Teil einer
Inszenierung werden. Am 6. Oktober hat am LTT das Stück „Muxmäuschenstill“
Premiere, geschrieben von Nico Rabenalt nach Jan Henrik Stahlberg. Hans-Jörg
Mux können Sie dann auch sehen. Er ist in dem Stück die Hauptrolle.
Infos:
www.gfg-tuebingen-braucht-dich.de
Tel.: (07071) 364226
Text/Bild: Fred Keicher