Presse

Artikel erschienen im TAGBLATT am 08.08.2007

Köpfe der Woche
Martin Baierlein: Kampf gegen Werteverfall
Seien Sie vorsichtig! Sie werden beobachtet! Beim Falschparken, beim Wegwerfen von Zigarettenstummeln, beim Fahrradfahren auf dem Gehweg, wenn Sie den Müll nicht trennen oder gar was klauen. Alle diese kleinen Aktionen, mit denen jeder von uns den gesellschaftlichen Werteverfall voranbringt. Aber wo eine Krankheit ist, da ist oft der Doktor nicht weit.
Im Juli wurde in Tübingen die Gesellschaft zur Förderung des Gemeinsinns (GFG) gegründet.

„Endlich, auf diesen Verein hat eine Stadt wie Tübingen eigentlich schon lange gewartet! Nun haben sich einige engagierte Menschen zusammengetan und das institutionalisiert, was sie am meisten bewegt: Die sukzessive Wiederherstellung von Regeln, die das gesellschaftliche Miteinander organisieren und fördern ist Ziel der GFG.“
Martin Baierlein, 32, einer der Gründer dieser Mitmachgesellschaft, ist Soziologiestudent mit den Schwerpunkten Neue Bürgerlichkeit und Stadtsoziologie, pflegte aber auch schon in Hamburg eine gewisse Nähe zum Theater. Hauptmitstreiter ist Hans-Jörg Mux, ebenfalls 32, Student der Philosophie. Martin Baierlein kann Kants Kategorischen Imperativ schneller aufsagen, als Sie Brombeermarmelade sagen können.
Freitagnacht war er mit einem Mitstreiter und Videokamera auf der Tübinger Partymeile unterwegs. Flaschen entsorgen war angesagt. Es war erfolgreich, kaum brenzlige Szenen. Man kann ja entzückt sein über diese jungen Leute, diesich um den Dreck vor anderen Türen kümmern. Dass eine nicht-entsorgte Flasche auf ein soziales Problem hinweist, lernt man wohl in der Stadtsoziologie. Dass allgemein die Werte zerfallen, das sieht man an Dow-Jones-Index und Dax?
„Wir sind Teil einer Gesellschaft, in der wir unsere Ideale verloren haben, in der es keine Utopie mehr gibt von einer gerechteren Gesellschaft. Wir haben aufgehört zu warten, dass ,die da oben’ etwas tun. Wir werden selbst aktiv für unsere Gesellschaft. Der Verein ist auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Deshalb ruft die GFG diesezu Wachsamkeit auf und bittet um konkrete Hinweise per Telefon oder E-Mail.“
Also seien Sie vorsichtig, wenn Sie das nächste Mal Ihre Kippe auf die Straße werfen. Es könnte passieren, dass die GFG plötzlich mit ihrer Videokamera hinter Ihnen steht und Sie in ein erzieherisches Gespräch verwickelt. Weiter könnte passieren, dass Sie sich auf dem Theater sehen, Teil einer Inszenierung werden. Am 6. Oktober hat am LTT das Stück „Muxmäuschenstill“ Premiere, geschrieben von Nico Rabenalt nach Jan Henrik Stahlberg. Hans-Jörg Mux können Sie dann auch sehen. Er ist in dem Stück die Hauptrolle.

Infos: www.gfg-tuebingen-braucht-dich.de
Tel.: (07071) 364226
Text/Bild: Fred Keicher